Lothar Wolleh war ein deutscher Fotograf.
Berlin, Deutschland 1930 - 1979 London, England.
1973 porträtierte Lothar Wolleh Sonia Delaunay in Paris. Den Abzug auf Leinen veredelte die Grande Dame der klassischen Moderne durch eine malerische Intervention und machte das fotografische Porträt so zugleich zu einem Werk ihrer eigenen Hand.
So kontaktierte sie 1973726 der junge deutsche Fotograf Lothar Wolleh, ein Vertreter der experimentellen Portraitfotografie. 1950 als vermeintlicher Spion von Westberlin in die Sowjetunion ver- schleppt und dort zu sechs Jahren Zwangsarbeit in dem berüch- tigten Gulag Workuta verurteilt, kehrt er 1956 dank einer von Konrad Adenauer initiierten Heimkehraktion deutscher Kriegsge- fangener vorzeitig nach Berlin zurück.727
Ab 1967 startet Wolleh sein Großprojekt einer Serie von 109 Portraits internationaler Avantgardekünstler und -künstlerinnen und macht mit seiner Hasselblad Aufnahmen, „das jeweils Spezifische ihrer Kunst herausarbeitend“,728 unter anderem von Joseph Beuys, Dorothy Iannone, Gerhard Richter, Jadwiga Maziarska oder Henry Moore, bei denen das Licht sowie Spiegelungen und Reflexionen eine wichtige Rolle spielen.
So auch bei dem durch den Negativrand schwarz konturierten und quadratischen Schwarzweiß-Portrait von Sonia Delaunay in ihrer Pariser Wohnung. In dem leicht nach links verschobenen Bild- zentrum sitzt die Künstlerin auf einem modernen Stuhl allein in einem leeren Raum, dem Entrée ihrer Wohnung, gekleidet in ihre „Uniform“ der 1970er, ein dunkles, die Massivität ihres Körpers noch verstärkendes Chanel-Kostüm.
Im Unterschied zu anderen Nachkriegsfotos fehlt hier nahezu jeder Bezug zu ihrer Arbeit – zu sehen sind weder Staffelei noch Pinsel oder Farben.729 Auch eine Rahmung durch die für ihre Atelierwohn- ung typischen riesigen Grünpflanzen fehlt. Über ihrer rechten Gesichtshälfte liegt ein Schatten, der Blick ist auf die Kamera gerichtet. In einem extrem stark ausgeleuchteten weißen Raum ist sie von nichts anderem umgeben als von rechteckigen Flächen – Wandschränken (mit ihren Werken) –, und ihre Rückenansicht spiegelt sich in einem auf der Innenseite der Wohnungstür angebrachten Spiegel. Wolleh hatte ursprünglich vor, seine Portraits in einem „Museum für die Ewigkeit“ auszustellen, „in den Fels gehauen an der schwedischen Küste, das selbst den Atomkrieg überstehen können sollte.“730 Doch zunächst bittet er alle von ihm Fotografierten, ihre Portraits selbst zu bearbeiten. Sonia Delaunay entspricht seiner Bitte vermutlich im Winter 1975.
Schlusspunkt eigener Art
Rechts oben im Bild also ihr eigener Beitrag, eigenhändig datiert auf den 11. November 1975 und damit auf den französischen Nationalfeiertag des Jour de l’Armistice, der den Waffenstillstand und das Ende des Ersten Weltkriegs zelebriert. Sie wählt ein kleines Format, respektiert damit Wollehs Fotografie und integriert ihr Werk in die rahmende Architektur. Wie eine kleine Flagge – oder ein farbenfroher Drachen? – dominiert diese schwarz-rot-limonengrün-blaue Signatur ihrer eigenen Kunst den modernen weißen Raum. Hier wird das strenge Schwarz-Weiß durch die Signatur, die Datierung und das von Hand Gemalte aufgebrochen und der White-Cube-Effekt durch einen kleinen farbigen Drachen auf witzige, leicht ironische Weise unterminiert. Kurz vor ihrem Tod setzt dieses Portraitfoto, aufgenommen von Lothar Wolleh, einem deutschen Fotografen mit russischer Vergangenheit, einen besonderen Akzent und Schlusspunkt eigener Art unter einen langen Dialog mit Grenzgängern und Grenzgängerinnen der Kunst und des Lebens.
726 Siehe hierzu die Notizen von Sonia Delainays Sekretär im Tagebuch vom 1. Februar 1973 (DEL 211)
727 Nach Seinere Rückkehr aus der Sowjetunion studierte Wolleh an der Essener Folkwangschule für Fotografie bei Otto Steinert, einem Vertreter der experimentellen Portraits. - Für diese und anderer Informationen gilt mein Dank Oliver Wolleh.
728 Wuchold 2021, o.S
729 Die späten fotografischen Inszenierungen der Künstlerin untersuchte Montfort-Tanguy 2022.
730 Wuchold 2021, o.S.
Der Text von Margarete Zimmermann ist entnommen aus:
Margarete Zimmermann „Sonia Delaunay: Kunst und Mode im Zeichen von Emigration und Exil“ Reimer Verlag, 2025. 380 Seiten, S. 298 - 301.