Lothar Wolleh war ein deutscher Fotograf.
Berlin, Deutschland 1930 - 1979 London, England.

Tiefe Verbindung

Unfassbar und unerklärlich

Lil Picard
  • Autor Oliver Wolleh
  • Zeit 1978
  • Werk Portrait

Das Zusammentreffen von Lil Picard und Lothar Wolleh soll seinem Sohn Oliver Wolleh noch lange in Erinnerung bleiben. Zeigt es doch sehr gut die emotionale Verbindung, die dem Schaffensprozess vorausgeht. Eine ganz persönliche Erinnerung seines Sohnes.

Es war vielleicht Herbst 1978, Lothar Wolleh war gerade wieder einmal aus dem Krankenhaus entlassen worden, da bat er mich ihn als sein „Assistent“ zu einem Foto-Termin zu begleiten. Die amerikanische Künstlerin Lil Picard weilte gerade in Essen und wohnte bei einer befreundeten Galeristin. Ich war zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt und wusste um die schweren Kamerakoffer und das massive Stativ, die mein Vater immer verwendete und welche ihm schwer fielen zu tragen – vor allem, wenn er gerade aus dem Krankenhaus kam. So fuhren wir nach Essen, wo uns eine freundliche alte Dame begrüßte, nachdem wir die schwere Ausrüstung aus dem Wagen geladen hatten. Lil Picard war alleine, sprach ausgezeichnet Deutsch und die Bewunderung, die mein Vater dieser Frau entgegenbrachte, und ihr Charme ließen schon nach wenigen Minuten eine warmherzige und offene Atmosphäre entstehen. So saßen wir am Küchentisch, die Erwachsenen tranken Kaffe im Gespräch vereint, ich nippte an einem Saft und lass in einem Mickey Maus Buch. 

Es dauerte nicht lange, da waren wir inmitten der menschenverachtenden Nazi-Maschinerie, in Nürnberg und Auschwitz in der Fernsehserie „Holocaust“, Flucht und toten Freunden, wie Lil Picard den Nazi-Schergen entkam, wie sie mit ihrem blondem Haar, ihrem akzentfreiem Deutsch alle täuschte, die an die Überlegenheit ihrer Rasse glaubten, von Mördern, die im Zugabteil kein Blatt vor den Mund nahmen. 

Ein Abgrund durchzieht die Küche

Und was tat mein Vater? Er wand sich. Er relativierte, wollte das Ausmaß des Grauens nicht wahr haben. Ich starre in dieses Mickey Maus Buch, während um mich herum eine harte, harsche Diskussion entbrennt, über das Recht zu leben, über das Recht sich zu verteidigen, über Schuld und das Ausmaß des Grauens. Keiner schien nachzugeben, keiner schien zuzustimmen, ein Abgrund durchzieht die Küche und keine Brücke in Sicht - unendliches Schweigen. 

Überraschende Wende

Ich wage nicht zu atmen. Mickey und ich wollen nur raus aus diesem Raum. Ein Portrait ist vollkommen undenkbar, keine 60 Minuten nach unserer Ankunft. Und plötzlich sind wir in einem Berliner Luftschutzbunker, Brandbomben fallen, wir steigen über verkohlte Leichen, kriegen eine Uniform und sprengen Panzer, wir werden verraten und schon sind wir inmitten der menschenverachtenden Stalin-Maschinerie, Aschenbecher, mit denen man uns die Zähne ausschlägt, zerschmetterte Fingernägel, endlose Transporte in das Arbeitslager, das Eismeer, das Polarlicht und wir machen unser erstes Photo. Noch lange geht das Gespräch und am Ende sitzen die verfolgte Jüdin und der verwundete Hitler-Junge vereint am Tisch. Eine für den Zwölfjährigen kaum nachzuvollziehende Wendung. Ich gehe, stelle das Stativ auf und montiere die Hasselblad. 

Lil Picard
Oliver Wolleh

Das Portrait zeigt Lil Picard im Bildzentrum aufrecht auf einem Sofa sitzend, über ihr hängend ein Spiegel. Kein Blitz, keine Lampe  - nur Streulicht und der sie umgebende Kerzenschein. Eine Madonna auf einem Thron. Sie wird diese Aufnahme später mit Zeichnungen und Notizen überarbeiten, die an einen an Krebs sterbenden Freund in New York gerichtet sind. Das Gesicht des Freundes erscheint in der Überarbeitung in diesem Spiegel und blickt uns an aber, vielleicht sehen wir uns nur selbst.   

Tiefe Anerkennung

Was an diesem Tag geschah, erschien dem Jungen unfassbar und unerklärlich. Trotz der massiven Auseinandersetzung war es zu einer intensiven emotionalen Verknüpfung zwischen Lil Picard und meinem Vater Lothar Wolleh gekommen, einer tiefen Anerkennung des anderen, die sich schließlich auf der non-verbalen Ebene entfaltete und von der das Portrait ein Teil ist.