Lothar Wolleh war ein deutscher Fotograf.
Berlin, Deutschland 1930 - 1979 London, England.

Beispiele aus der Praxis

Urheberschaft und Herkunft in der Praxis

Kunstmarkt
  • Autor Antoon Melissen
  • Zeit 2020

Wenn eines für den Geist der Avantgardisten der 1960er und 70er Jahre steht, dann ist es ihr Streben nach künstlerischer Zusammenarbeit. Die Pläne für gemeinsam konzipierte Kunstwerke, Editionen, Künstlerbücher und selbst kuratierte Ausstellungen waren kühn und herausfordernd. Die heiklen Fragen des Urheberrechts und der Urheberschaft kamen oft erst Jahre später auf, als die Künstler Stars waren und ihren Ruf etabliert hatten. In den letzten Jahren, mehr als vierzig Jahre nach Lothar Wollehs Tod, hat sich diese wesentliche Fragestellung für seinen Nachlass herausgebildet.

Vor etwas mehr als fünfzehn Jahren bot ein großes europäisches Auktionshaus ein Kunstwerk von Günther Uecker an. Das auffallend gerahmte Werk, das als Stück ohne Titel präsentiert wurde, bestand aus einer einfachen Leinwand, aus deren Mitte ein übergroßer Nagel hervorstand. Die Beschreibung im Auktionskatalog mit allen Kriterien, die ein Sammler möglicherweise verlangen könnte: Ein „einzigartiges Stück auf Leinwand, ca. Mitte der 60er Jahre“ und im typischen Stil des Künstlers. Und doch war ich in den Tagen vor dem Verkauf in eine lebhafte Diskussion mit dem Auktionshaus verwickelt. Nicht so sehr über die Authentizität des Werkes - was unbestritten war -, sondern über seinen behaupteten „autonomen“ Status. Was war die kreative Geschichte dieses besonderen Stücks? Gab es mehr zu erzählen, um den wahren Hintergrund zu verstehen? Und vor allem, warum sind solche Informationen von entscheidender Bedeutung?

Container des Buches Uecker. Eine Dokumentation von Lothar Wolleh

Vorheriges Leben als Künstlerbuch 

Ich vermutete, dass dieses Werk im Kontext eines Künstlerbuchs von Lothar Wolleh ein „vorheriges Leben“ hatte. 1970 konzipierte Lothar Wolleh Uecker. Eine Dokumentation von Lothar Wolleh- auch das Nagelbuch genannt. Das Buch dieses Künstlers bestand aus nicht weniger als 80 Fotografien von Wolleh, gepaart mit fünf Grafikdrucken von Günther Uecker. Einige Monate vor dieser Auktion war ich bei einem Sammler auf diese Ausgabe gestoßen, und es war insbesondere der Einband, der mir zuerst auffiel. Als Behältnis für sein Buch und Ueckers Drucke hatte Wolleh eine mit Leinen ausgekleidete Kassette konzipiert, die mit einem großen Nagel durchbohrt und von Uecker signiert wurde. Bei der Auktion wurde nicht nur der durchbohrte Umschlag brutal von der Originalkassette gelöst, sondern auch von seinem ursprünglichen Kontext, seiner einzigartigen Konzeptionsgeschichte, getrennt.

Geschichte als Geburtsurkunde

Dieses Beispiel zeigt, wie der Verlust des Kontexts zu falschen Annahmen führen kann, sei es durch einen echten Mangel an Informationen oder durch etwas zwielichtige „Marktinteressen“. Das „einzigartige“ Werk war in der Tat Teil einer Auflage von 500 Exemplaren, und das korrekte Entstehungsdatum war 1971. Was jedoch insbesondere fehlte, war ein Hinweis auf die „Geburtsurkunde“des Werks, auf seinen Ursprung als Teil eines Künstlerbuch. Es gibt starke sachliche Argumente für die Berücksichtigung dieser Quelle. Uecker. Eine Dokumentation von Lothar Wolleh ist einzigartig im Aussehen, aber auch inhaltlich. In seinem außergewöhnlich unverwechselbaren Design kombinierte Wolleh Fotografien von Ueckers Werken mit siebzehn Porträts des Künstlers, der bei der Arbeit in seinem Studio oder während seiner Performances posiert. Die Veröffentlichung spiegelt den Stolz und das Selbstbewusstsein des Fotografen wider, insbesondere, da er 18 Porträts meist von ZERO-Künstlern als weiteren Teil in das Buch aufgenommen hat. Dieses „Who-is-Who“ zeigt den Breite des internationalen Netzwerks und der Interessen von Wolleh. Vor allem aber ist es ein wahres Beispiel für Wollehs künstlerische Praxis und persönliche Vision.

Uecker. Eine Dokumentation von Lothar Wolleh
Uecker. Eine Dokumentation von Lothar Wolleh

Ein Projekt das beide Namen trägt

Dennoch bleibt die Frage, wie mit solchen Fragen des gemeinsamen Urheberrechts, der Mitautorschaft oder der „schöpferischen Verbindlichkeit“ umgegangen werden soll. Wer bekommt welche Anerkennung, wie ordnen wir solche Projekte richtig zu und ehren alle Beteiligten? Ironischerweise führt die eher zweideutige Natur vieler Projekte von Wolleh oft zu Missverständnissen über den Status seiner Arbeit. Seine Lust an Erfindungen, an neuen Wegen der Zusammenarbeit, Präsen-
tation und Verknüpfung seiner eigenen fotografischen Arbeit mit der anderer scheint in seinen „Büchern“ am stärksten zu sein. Das Nagelbuch ist ein eindrucksvolles Beispiel für ein echtes Wolleh-Projekt, das beiden Künstlern, dem Fotografen Wolleh und seinem Freund Günther Uecker, eine Plattform bietet.

 Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Joseph Beuys. Kurzum: Eine Fotosession von 1971 im Moderna Museet in Stockholm führte zu Lothar Wollehs Buch Beuys. Eine Dokumentation von Lothar Wolleh. Der Titel entspricht auffallend der oben genannten Veröffentlichung zu Günther Uecker, die den konzeptionellen Ansatz von Lothar Wolleh unterstreicht. Die Fotos stehen im Zusammenhang mit einer gemeinsamen Initiative, der Veröffentlichung des sogenannten Unterwasserbuchs. Dieses aufwändige Projekt besteht aus 51 Wolleh Fotos, die auf PVC gedruckt wurden, und einem Multiple von Beuys. Das Projekt wurde aufgrund technischer Probleme nie abge- schlossen, obwohl es einige Exemplare des Buches gibt. Die gedruckten Blätter des Buches - mit Wollehs Fotos - nahmen jedoch ein Eigenleben an. Unter dem neuen Titel 3 Tonnen Edition (1973-1985), bezogen auf das Gesamtgewicht der Drucke, signierte und stempelte Beuys die Blätter und „bearbeitete“ sie teilweise mit Farbe.

Freunde und Reisegefährten

Abgesehen von rechtlichen Erwägungen: Gibt es bei der Zuschreibung dieser Werke moralische Gesichtspunkte, um den Ursprung, diese „Geburtsurkunde“, anzuerkennen? Abgesehen von der Notwendigkeit und Verpflichtung, korrekte und vollständige Informationen bereitzustellen: Ich glaube, dass es solche gibt. Ein „überarbeitetes“ Foto von Wolleh ist möglicherweise zu einem „Beuys“ geworden, ebenso wie ein vom Nagelbuch abgenommener Umschlag als „Uecker“ angesehen werden kann. Dennoch bleiben sie unveräußerliche Teile von Projekten, die von Lothar Wolleh initiiert wurden. Außerdem diskreditiert das Weglassen von Informationen über die kreative Geschichte und Genealogie dieser Projekte beide Künstler. Es leugnet das lebhafte kreative Abenteuer, das diese Projekte in Gang gesetzt hat, das Feuer des Zeitgeistes und nicht selten die zugrunde liegende Freundschaft. Ueckers letzte Zeilen im Nagelbuch lauteten: 

„Ein Künstler ist ein Erfinder,
Ein Erfinder von Ideen,
die sich visuell realisieren lassen,
die als Gleichnisse
einer geistige Entwicklung dienen können.“ 

Einige solche Entdeckungsreisen können, wie das Nagelbuch bestätigt, nur in Begleitung von Freunden und Reisegefährten unternommen werden.

Günther Uecker