Lothar Wolleh war ein deutscher Fotograf.
Berlin, Deutschland 1930 - 1979 London, England.
Der Lothar Wolleh Raum in Berlin bietet aktuell mit der Ausstellung „René Magritte – Die letzten Portaits“ erneut Einblicke in das fotografische Werk von Lothar Wolleh (1930–1979). Nach einer Ausbildung am Berliner Lette-Verein und einem Studium an der Essener Folkwangschule u. a. bei Otto Steinert hatte Lothar Wolleh zunächst als Werbefotograf in Düsseldorf Karriere gemacht. Ab 1963 Jahre begann er internationale Künstler zu fotografieren und ist heute vor allem für seine Künstlerportraits bekannt.
Dass Wollehs Fotografien nicht in Vergessenheit geraten ist Oliver Wolleh, dem Sohn des Fotografen, zu verdanken. Als Politikwissenschaftler leitet Oliver Wolleh hauptberuflich die Europe Unit der Berghof Foundation in Berlin und kümmert sich hier um Friedensforschung sowie Austausch und Mediationen zwischen Konfliktparteien wie z. B. im Kaukasus. 2003 gründete er den Lothar Wolleh Estate, 2019 folgte die Eröffnung des Lothar Wolleh Raum in Berlin-Mitte.
Anna Gripp: Dein Vater ist sehr jung gestorben. Wie alt warst Du? Und was hat die Familie damals mit dem Archiv gemacht?
Oliver Wolleh: Ich war gerade 14 geworden. Wir hatten damals zwei Wohnungen, in einer haben wir gewohnt, die andere wurde als Studio und Labor genutzt. Als erstes wurde das Labor aufgelöst und meine Schwester bekam das Zimmer. Von einem „Archiv“ hat damals niemand gesprochen, es waren Regale voll mit Ordnern, darunter Leitz-Ordner mit Negativen und Kontaktbögen, die habe ich heute noch. Wir sind dann mehrfach umgezogen, so dass das Archiv in Umzugskartons in mehreren Kellern landete
Anna Gripp: Immerhin hat die Familie beschlossen, dass der Nachlass mit umzieht, also gesichert wird.
Oliver Wolleh: Ja, wobei ich bei diesen Entscheidungen damals nicht beteiligt war. Mittlerweile ist mir klar, dass meine Mutter wohl einige Teile im Zuge des Umziehens weggeworfen hat. Sie hat manches als sehr wertig wahrgenommen; anderes wie Werbung und frühe Arbeiten eher nicht. Daher sind einige Arbeitsbereiche einfach verschwunden, darunter Druckvorlagen für Bücher.
Anna Gripp: Was passierte dann mit dem Archiv?
Oliver Wolleh: Auch meine Mutter starb früh und das Archiv blieb viele Jahre in Kellern bei Verwandten. Erst als ich mit meiner jetzigen Frau 1998 in eine größere Wohnung mit vernünftigem Keller zog, habe ich angefangen, die Sachen nach Berlin zu holen. Darunter Kisten mit Vintage Prints in Fotoschachteln. Heute ist mir klar: Wir hatten großes Glück, dass die Lagerung zuvor in verschiedenen Kellern gut gegangen ist.
Anna Gripp: Hast Du dann das Archiv Institutionen angeboten?
Oliver Wolleh: Ich habe das Material vielen Leuten angeboten, nicht unbedingt gleich zum Kauf, eher für Ausstellungen. Einige Experten waren auch da, die meinten, das sei ein interessantes Œuvre, aber viel Arbeit. Wie viel Arbeit, verstehe ich erst heute. 2005 konnten wir dann die Ausstellung „Lothar Wolleh. Eine Wiederentdeckung. Fotografien 1959–1979“ realisieren, die erste Station war die Kunsthalle Bremen. Wulf Herzogenrath war hier federführend, er hat mich damals sehr ermutigt. Die Ausstellung mit Katalog hat den Grundstein für alles gelegt, was wir heute machen.
Anna Gripp: Wie ging es weiter?
Oliver Wolleh: Nach Bremen war mir klar, dass ich mich um die Digitalisierung kümmern muss und das auch leisten kann. Ich habe mir einen V700 Scanner von Epson gekauft, bekam Vertrauen in die Technik. Durch die Digitalisierung sichtete ich das Werk erstmals richtig. Mir wurde aber auch klar, dass ich jahrelang jedes Wochenende scannen müsste, um das zu bewältigen. Also habe ich mir Hilfe geholt.
Anna Gripp: Wie kam es dann zu der Entscheidung, einen eigenen Lothar Wolleh Raum zu eröffnen? Das ist ja schon ein großes commitment.
Oliver Wolleh: Auf der einen Seite ist das ein großes commitment. Andererseits war es das vorher auch schon und dieser Schritt nur konsequent.
Anna Gripp: All das kostet. Kommt denn z.B. durch Verkäufe von Vintages und neuen Prints auch Geld zurück?
Oliver Wolleh: Ich finanziere sehr viel vor. Doch ich habe eine Regel, die sich bisher in allen Phasen bewährt hat: Was immer ich ausgebe, kommt auch wieder rein. Gebe ich 10.000 Euro aus, kommen 10.000 Euro zurück. Gebe ich 30.000 Euro aus, kommen 30.000 Euro zurück. Ich nenne das eine rote Null. Es ist immer Defizit da, weil ich immer in Vorleistung gehe.
Anna Gripp: Deine eigene Arbeit gleichst Du aber sicher nicht aus.
Oliver Wolleh: Da hast Du recht. Aber Lothar Wolleh finanziert sich immer selber. Schon in Bremen haben wir Modern Prints angeboten. Und je bekannter er wird, desto eher sind Museen an Konvoluten und Vintages interessiert. Die Staatsgalerie Stuttgart hat beispielsweise kürzlich 44 Arbeiten von Lothar Wolleh gekauft, das ganze Beuys-Buch.
Anna Gripp: Diese enge Verbundenheit Lothar Wollehs zu Künstlern wie Beuys, Magritte, Man Ray, Moore oder Uecker spricht ein Kunstpublikum und damit andere potentielle Käufer an, ein großer Vorteil.
Oliver Wolleh: Das ist so. Mein Vater hatte zu vielen Künstlern sehr enge Beziehungen und konziperte viele Projektbücher. Einige wurden veröffentlicht, andere nicht. 2021 habe ich das Künstlerbuch „Joseph Beuys, Lothar Wolleh – Das Unterwasserbuch-Projekt“ neu aufgelegt. Dieses Jahr folgt anlässlich einer großen Ausstellung in Delft ein bisher unveröffentlichtes Künstlerbuch, das der niederländische Künstler Jan Schoonhoven und Lothar Wolleh 1971 gemeinsam erarbeitet hatten.
Anna Gripp: Welchen Stellenwert hat die Serie zu René Magritte, die Du aktuell in Berlin zeigst?
Oliver Wolleh: Zu Magritte war keine Veröffentlichung als Buch vorgesehen, die Serie bezeichne ich eher als home story. Wolleh war 1967 mehrfach bei Magritte in Brüssel, fotografierte wie dieser mit seinen Gemälden interagiert, besuchte die Familie. Kurz danach starb Magritte, daher „Die letzten Portraits“. Andere Künstler hat Wolleh jahrelang begleitet, machte mit ihnen Editionen und Bücher, tauschte Fotos gegen Kunst.
Anna Gripp: Hat so eine Ausstellung wie jetzt zu René Magritte auch die Folge, dass z. B. die Magritte Foundation auf Wollehs Fotografien aufmerksam wird?
Oliver Wolleh: Die Magritte Foundation nutzt unsere Fotos auf ihrer Website und sagt, dass sie das Copyright dafür haben.
Anna Gripp: Steht denn mindestens der Name von Deinem Vater dabei?
Oliver Wolleh: Nein! Ich muss das klären und habe in vergleichbaren Fällen auch schon Institutionen angeschrieben. Doch dann werden aus Angst vor einer Riesenklage die Fotografien entfernt. Jetzt sehen tausende Menschen im Monat diese Portraits. Das finde ich toll. Eines Tages werden die Häuser selbst kapieren, dass sie Lothar Wollehs Arbeit würdigen sollten.
Anna Gripp: Habt Ihr denn umgekehrt schon Ärger mit Rechteinhabern von Künstlernachlässen in Sachen Bildrechte gehabt? Ich denke an die Fotografien von Ute Klophaus zu Joseph Beuys; ein Buch dazu wurde von der Witwe verhindert.
Oliver Wolleh: Wir haben null Probleme. Ich habe ja auch das OK bekommen von Eva Beuys für die Neuauflage des Unterwasserbuches. Sie hätte das blockieren können, hat sie aber nicht. Der Grund ist ganz einfach: Ich mache alles so, wie es auch Lothar Wolleh gemacht hat. Er hat in enger Absprache mit den Künstlern gearbeitet. Frau Beuys und ich ticken da ähnlich. Was der große Guru gesagt hat, gilt für uns.
Anna Gripp: Demnach haltet Ihr Euch auch bei Scans und neuen Prints an die Auswahl Deiner Vaters?
Oliver Wolleh: Zu 99 Prozent. Langsam nehme ich mir mal die Freiheit, auch mal ein alternatives Motiv zu wählen.
Anna Gripp: Auf der Website ist eine Lothar Wolleh-Monographie angekündigt.
Oliver Wolleh: Die ist in Arbeit, doch dafür benötige ich ein großes Haus und eine Werkschau als Aufhänger. Dann macht die Monographie Sinn. Das Buch ist praktisch fertig, aber es kommen auch immer mal wieder Anfragen für andere Themen, damit geht die Forschung weiter und das tut der Monographie sicher gut.
Anna Gripp: Gibt es schon Pläne für Ausstellungen in 2024?
Oliver Wolleh: Selbstverständlich und wir wer- den immer internationaler. Für 2024 sind Ausstellungen in Italien und Frankreich geplant, welche dann auch das Farbwerk von Lo- thar Wolleh präsentieren. Insbe- sondere freue ich mich darüber, dass Lothar Wolleh auf der Bien- nale des Museum of Contempo- rary Art in Herning (Dänemark) mit einer ganzen Werksgruppe im nächsten Jahr vertreten sein wird. Lothar Wolleh hat europäisch ge- arbeitet und dies auch hinter dem Eisernen Vorhang in Polen und der Sowjetunion. Es gibt also viele Anknüpfungspunkte. Und es gibt noch viel zu zeigen.
Die Ausstellung „Rene Magritte – Die letzten Portaits“ ist noch bis zum 22. Dezember 2023 im Lothar Wolleh Raum in der Berliner Linienstraße 83A zu sehen.
Das Museum Prinsenhof Delft zeigt die Ausstellung „Lothar Wolleh sieht Jan Schoonhoven. Meister des Rhythmus und des Lichts“ seit dem 6. Juli 2023 und noch bis 7. Januar 2024.
Der Artikel erschien ursprünglich in Photonews, Nr. 9/23 (September 2023), 35. Jahrgang.