Lothar Wolleh war ein deutscher Fotograf.
Berlin, Deutschland 1930 - 1979 London, England.

Interview

Der bekannte unbekannte Wolleh – Interview mit Heinz Mack

Heinz Mack
  • Autor Antoon Melissen
  • Zeit 2019
  • Werk Portrait

Am 6. November 2019 treffen sich Heinz Mack und Antoon Melissen in Macks Studio zu einem Interview über Lothar Wolleh. Mack ist vorzüglich vorbereitet und voller Erinnerungen. Dennoch, erst in dieser Begegnung - 40 Jahre nach Wollehs Tod - wird Mack verstehen, dass dieser ihn und „das Licht erkannt“ hat. Anbei die gekürzte Fassung des Interviews. 

Ich höre das mit großer Sympathie, eine Monografie über Lothar Wolleh. Ich sag erst mal vorweg, dass wir uns schon gekannt haben, aber es war keine allzu große Nähe, wir haben uns auch mit ‘Sie’ angesprochen. [lacht] Er war vielleicht mehr auf [Günther] Uecker konzentriert, die haben sich öfters gesehen. Und, was ich aber gerne dazu sage, ist dass damals überhaupt nicht fotografiert wurde. Sehr selten. [...]    

Ich habe Wolleh relativ früh kennengelernt. Und es war da...wie soll ich das erklären. Also, es gibt ein paar Dinge die ich erinnere, die ich Ihnen vielleicht auch gleich mitteile. Es kam eine Zeit, da wollte er so die beste Künstler die im Umkreis von 100 Kilometer erreichbar waren fotografieren, und das hat er dann auch gemacht. Und da hatte er natürlich auch große Hoffnung, dass das entsprechend großzügig publiziert wurde. Das war nicht so leicht. Er hat auch oft weitgehend eigenes Geld investieren müssen, damit das überhaupt realisiert wurde. Es ist eigentlich sehr beschämend, aber es ist die Realität. Das waren die bekannten Künstler, Kricke, Klapheck, Uecker, Gerstner und so was. [Mack sieht sich die Bilder von Art Scene Düsseldorf an]. Die haben wir im Archiv, diese Mappe. Das war seine Initiative, eindeutig seine Initiative und eine sehr wichtige. Denn es hat ja auch sehr hohen dokumentarischen Wert. [Mack sieht sich seine Seiten in Art Scene Düsseldorf an] Das ist natürlich toll! Wunderbar! So was liebe ich ja. Einfach großartig gemacht. Art Scene Düsseldorf war damals, wenn man so will, die wichtigste Publikation. Und genau so etwas hat der Wilp [der Fotograf Charles Wilp] nicht gemacht. Der war einfach ein Mann, der brauchte Aufträge, von der Wirtschaft, der Industrie. Wolleh war wirklich ein Einzelgänger. [...]

Wolleh war wirklich ein Einzelgänger

Und dieser Grundgedanke, dass Kunst multiplizierbar ist, alles unter der Konditio dass es hohe Qualität hat, und das die Originalität des Einzelwerks nicht in Gefahr kommt. Und dass sie auch technisch innovativ sind, das war damals natürlich Novum, wirklich Novum. Und Wolleh ist da gleich auf seine Weise mit von der Partie gewesen. Und auch da kann man wieder vergleichsweise sagen, das ist ja nicht kritisch gemeint, sondern nur einfach als Vergleich, das gab es bei Wilp nicht. 

Und dann hat er auch einige Dinge versucht, die damals außergewöhnlich waren. Er ist also zur Zeit des Kalten Krieges nach Russland gefahren, Moskau, und dann kam er zurück und hat mir Dias gezeigt. Farbdias wovon ich wohl zeitweilig einige hatte, aber es waren Dias wo man eine...man konnte gar nicht erkennen was drauf war [lacht]. Da war so eine Lichtwand mit irgendeinem Strahl, und dann fing er an zu fantasieren! „Also Mack, sie müssen sich vorstellen, da ist eine immaterielle Grenze, eine immaterielle Sperre, dahinter ereignen sich Dinge die wir nicht ahnen können, und ich habe das fotografiert, und irgendwie sind diese Strahlen durch diese Wand hindurch…“ [lacht]. Also, er wollte mir simulieren, dass er eine, ja fast Science-Fiction, Fata-Morgana-Wand die irgendwie Geheimnisse verbirgt, dass er versucht hat da durch zu fotografieren. Das war eine verrückte Idee. Und das finde ich unglaublich! Und das, was er da zeigte sah ein bisschen surreal aus, war aber wirklich sehr rätselhaft. Dann hat er, vielleicht auch angeregt durch mich, das wage ich zu sagen, in der Nacht versucht Sterne zu fotografieren mit ihrer Protuberanz. Das entsprach meinen Rotoren die ich damals gemacht habe. [...]

Heinz Mack

Lothar Wolleh wurde von ZERO sensibilisiert. Ihn hat das Thema Afrika interessiert, und wir konnten da ein paar Fotos machen, die nicht in der Wüste gemacht wurden, sondern, wo ich dann Dinge nochmal wiederholt habe, die ich in der Wüste wirklich original gemacht habe. 1963 fangen die Experimente an und es gibt sogar allererste Besuche in der tunesischen Wüste, die sind von 1958-1959. Wollehs Bilder sind ja später gemacht worden, wir waren ja nicht gemeinsam in der Wüste. Das haben wir in einer Sandgrube gemacht, hier in Deutschland. Und dann könnte es 1968 gewesen sein. Und das hat ihm alles sehr fasziniert, dass er das auch übersetzt hat. Also, da gibt es ein Foto, da habe ich diese ganzen Folien um mich herumgewickelt, diese Quecksilber-bedampften Folien. Was auch eine merkwürdige Analogie hat zu der Tatsache, dass heute, wenn die Flüchtlinge vom Meer gefischt werden, die werden alle in diese Folie eingepackt weil es wärmt, und die sind alle goldbedampft. Es ist doch grotesk! Dass diese Menschen die so arm sind wie die letzter Maus, die werden dann in Gold verkleidet! Da ist die Politik auch absolut gefühllos, die sieht nur dass das wärmt, aber dass das auch eine metaphysische Dimension hat, das wird gar nicht mitgedacht. Und da hat er dann auch immer wieder versucht die Fotografie zu einem Objekt zu machen. Das war seine Idee, dass bei diesem Foto wo ich dieses Zeug da um mich herumgewickelt habe, dass er da ein Großfoto macht und wir haben dieses originale Material dann drapiert. [...] 

Wolleh war, wie soll ich das formulieren: wenn er etwas fotografierte, wollte er alles wissen was drum herum war, also in anderen Worten, er wollte nicht nur das Gesicht fotografieren, aber er wollte wissen „was ist das für ein Mensch, was macht er, was haben wir da vielleicht noch an anderen Dingen zu entdecken“. Der Wilp war ganz anders. Das war der Reporter-Typ, so zak-zak, auf die Uhr - einmal hin…der Wilp war unglaublich schnell, kaum hatte er dich gesehen, war er auch schon wieder weg. Und Wolleh hat sich dann doch mehr, ich wage fast zu sagen, kontemplativ auf die Sache eingestellt. [...]

Es gab eine gewisse Schüchternheit

Der Wolleh war wirklich eine Persönlichkeit, allen Respekt. Schmela [Alfred Schmela, Galerie Schmela, Düsseldorf] hat sich immer amüsiert, der hat gesagt, „der heißt ja gar nicht Wolleh, aber Wolle“. [lacht] Das erklärte er dann auch öffentlich, der Schmela konnte schon frech sein. [lacht] Der Wolleh war nicht der Mann, der immer bei allen Gelegenheiten sofort dabei war. Er war zurückhaltender, er hatte eine Sensibilität, dass muss man dazu sagen. Und diese Sensibilität, parallel dazu gab es eine gewisse Schüchternheit. Er war kein Draufgänger in dem Sinne, „Hier bin ich!“ Er war irgendwo schüchtern, im Sinne aber von Sensibilität und das hat mir an ihm sehr gefallen. Er konnte dann natürlich sich begeistern, und in Gedanken hatte er mich dann umarmt, „Das ist doch toll, Mack, verstehst du das, verstehen Sie das“, und so weiter. Das kooperative Denken, das war da großartig, aber im Grunde genommen war er schüchtern und hat sich nicht aufgedrängt. Wogegen der Wilp immer so reinkam als würden alle Leute gerade auf ihn warten.

Fotografie ist ja Licht und Zeit, in konzentrierter Form. Da sind wir bei einem Thema, also. Meines Wissens hatte Wolleh eine eigene Dunkelkammer, und die Abzüge hat er selbst gemacht. Ich hatte zur gleichen Zeit schon Gelegenheit eine Dunkelkammer zu benutzen. Aus dem einfachen Grunde, ich war damals der jüngste Studienrat an einem Düsseldorfer Gymnasium und die hatten eine große Dunkelkammer, und da konnte ich dann in Ruhe arbeiten. Und da habe ich Experimente gemacht, Lichtexperimente, fotografische. Ich fand das ganz aufregend, und ich erinnere das Wolleh im Gespräch mit mir, das ist aber eine blasse Erinnerung, dass er davon nichts wissen wollte, von diesen Licht-Experimenten. [...]

Licht und Zeit

[Mack sieht sich Wollehs Fotos von seinen Arbeiten an]

Das sind meine Arbeiten! Jetzt staune ich wieder! Jetzt sag ich aber Folgendes: er hat eben das was ich gemacht habe, das hat er sehr aufregend fotografiert. Ja, das hat ihn offensichtlich interessiert. Also, sehen sie, da bin ich dann auch wieder nicht genug informiert. Ich will nur damit sagen, wir haben nicht darüber gesprochen. Da muss ich sagen, das sehe ich mit Sympathie, es hat ihn dann doch sehr fasziniert. Er hat dann doch das Licht erkannt. [...]

Er hat dann doch das Licht erkannt

Aber diese Arbeiten von Wolleh sind nicht manipuliert worden. Tolle Fotos, wirklich sehr interessant. Ist ja Irre! Irre! Hoch interessant! Erst mal eine ganz sachliche Frage, wer ist hier, wer verwaltet dieses... Ach das hier ist ja toll! Ja, wer ist dann juristisch hier.... Das ist ein sehr wichtiges Foto. Sehr, sehr wichtig. Ich erlaube mir das abzufotografieren, weil ich von dieser Arbeit nur ein beschissen schlechtes Foto habe. [lacht] Das ist eine Arbeit von der ich nicht weiß wo sie geblieben ist. Also, damit machen sie mir eine große Überraschung! Ja doch, Respekt, Respekt...sind mir gar nicht bekannt, diese Bilder. [...] Ich bin sehr dankbar, dass Sie mich auf etwas aufmerksam gemacht haben, was mir bisher vollkommen unbekannt war. Dass Lothar Wolleh tatsächlich doch fleißig hingeschaut hat und mich viel wichtiger genommen hat als ich dachte. [lacht]

Arbeit von Heinz Mack fotografiert von Lothar Wolleh
Arbeit von Heinz Mack fotografiert von Lothar Wolleh

Aber diese Arbeiten von Wolleh sind nicht manipuliert worden. Tolle Fotos, wirklich sehr interessant. Ist ja Irre! Irre! Hoch interessant! Erst mal eine ganz sachliche Frage, wer ist hier, wer verwaltet dieses... Ach dás hier ist ja toll! Ja, wer ist dann juristisch hier.... Das ist ein sehr wichtiges Foto. Sehr, sehr wichtig. Ich erlaube mir das abzufotografieren, weil ich von dieser Arbeit nur ein beschissen schlechtes Foto habe. [lacht] Das ist eine Arbeit von der ich nicht weiß wo sie geblieben ist. Also, damit machen sie mir eine große Überraschung! Ja doch, Respekt, Respekt...sind mir gar nicht bekannt, diese Bilder. [...] 

Ich bin sehr dankbar, dass Sie mich auf etwas aufmerksam gemacht haben, was mir bisher vollkommen unbekannt war. Dass Lothar Wolleh tatsächlich doch fleißig hingeschaut hat und mich viel wichtiger genommen hat als ich dachte. [lacht]

Heinz Mack