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Ein Paar im Dunkel. Ein Strom von Menschen. Rätselhafte Farbwolken aus spektralem Licht.
Dies ist Lothar Wollehs fotografische Arbeit Raum des Lichtes aus dem Jahr 1975. Das Dunkel scheint fast vollkommen. Nur langsam zeichnen sich darin einzelne Strukturen ab. Ein Paar erscheint in vielfacher Spiegelung, verteilt über die Dunkelheit des Raumes.
Es bleibt nicht allein, Menschen fluten an ihm vorbei. Dies ist keine romantische Szene im pulsierenden Fluss eines Pariser Boulevards. Kein Kuss. Keine Umarmung. Vielmehr eine Zugewandtheit, die durch die Berührung der Köpfe in Verbundenheit übergeht. Es ist ein intimer Moment, bei dem zwei Menschen beieinander sind.
Nichts in diesem Bild verrät eine Zeit. Die Szene könnte gestern oder 1599 geschehen sein. Die Zeit scheint stillzustehen – und gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Begegnung.
Kein Fenster, keine Lampe erhellt den Raum. Und dennoch sind das Paar und die Passanten von intensivem Farblicht umgeben. Dieses Licht scheint keinen materiellen Ursprung zu besitzen. Es schwebt wie ein farbiger Nebel durch den Raum und lässt die Architektur hinter sich zurück. Der Raum scheint nun wie aus Licht geschaffen.
Und doch handelt es sich um einen ganz realen Ort. Dies ist die Basilika St. Peter in Rom, eines der bedeutendsten sakralen Bauwerke der Christenheit und geistiges Zentrum der römisch-katholischen Kirche.
Ihre Architektur wurde über Jahrhunderte hinweg bewusst als Raum des Lichts inszeniert. Doch von all dem – und von der einzigartigen künstlerischen Ausstattung durch Bramante, Michelangelo oder Bernini – ist kaum etwas zu erkennen. Dunkelheit und Licht umgeben das Paar und die vorbeiströmenden Menschen. Nur die im Licht schimmernden Basen der Säulen lassen die Größe und Weite des architektonischen Raumes erahnen. Durch die prismatische Vervielfachung verlieren sie ihre materielle Eindeutigkeit. Der Raum selbst scheint sich aufzulösen. Der Petersdom verwandelt sich in einen nahezu immateriellen Raum aus Licht und Schatten.
Der sakrale Raum musste nicht erst durch Wolleh zum Lichtraum werden – er war bereits ein Lichtraum. Wolleh entwickelte dafür eine eigene fotografische Sprache, mit der er die vorhandene Lichtdramaturgie sakraler Architektur in eine neue fotografische Bildsprache übersetzte.
Technisch gesehen ist Raum des Lichtes eine Fotografie, frei von nachträglicher Manipulation oder Gestaltung in der Dunkelkammer. Alle Bildelemente entstehen im Augenblick der Aufnahme und sind im Negativ festgehalten. Die Inszenierung erfolgt durch Filter und Prismen, die vor dem Objektiv angebracht wurden.
Diese Aufnahme erinnert in ihrer Wirkung eher an Malerei als an die klassische dokumentarische Fotografie. Sie löst nicht nur das Licht von seinem Ursprung, sondern auch die Architektur von ihrer festen Materialität. So wird die Begegnung zweier Menschen zum Mittelpunkt eines Raumes, der weniger gebaut als aus Licht geschaffen scheint. Vielleicht zeigt Wolleh damit nicht nur, was eine Kamera sehen kann, sondern auch, dass Fotografie Wirklichkeiten sichtbar machen kann, die dem bloßen Auge verborgen bleiben und über den Augenblick hinaus Bestand haben.
