Audio Guide

Audio starten

o.T. Lissabon, 1968
o.T. Lissabon, 1968

Eine tiefblaue Bildfläche. Dutzende vertikale Linien aus Licht. Dazwischen vereinzelte Lichtpunkte. Die Linien scheinen nach oben zu streben. Sie durchziehen die gesamte Breite des Bildes. Zwei Drittel der Fläche bestehen aus nichts als vibrierenden Lichtbahnen. Darüber: tiefes Blau. 

Nichts in diesem Bild lässt sich eindeutig erkennen.

Und doch handelt es sich um eine Fotografie. Am Rand des Negativbogens findet sich die Aufschrift „Lissabon“. Eine Stadtansicht. So abstrakt, dass sie ohne diese Beschriftung nicht zu verorten wäre. 

In dieser Arbeit von Lothar Wolleh aus dem Jahre 1968 sind weder Straßen noch Plätze zu erkennen. 

Architektur ist nicht länger das Ordnungsprinzip des Bildes. Licht bestimmt die gesamte Komposition. Die Ordnung der Stadt weicht einer rhythmischen, scheinbar nach oben strebenden Lichtstruktur. 

Zwei vertikale Lichtsäulen heben sich jedoch deutlich hervor. Mit ihrer Lage im oberen Drittel des Bildes scheinen sie in den nächtlichen Himmel zu streben  und das Lichtgeflecht zu überragen. 

Links, die Lichtspur von São Vicente de Fora. Kirche und Kloster aus dem 12. Jahrhundert, eines der bedeutendsten sakralen Bauwerke Portugals. 

Rechts, einen Gegenpol bildend, erhebt sich die Lichtsäule der Igreja da Memória. 

Sie spannen den Raum zwischen sich auf.

Sie bilden die Orientierungspunkte dieses Bildes. 

Wolleh interessiert sich nicht für die Stadt als Architektur. 

Nicht für das flirrende Licht der Großstadt.

Sein Interesse gilt diesen beiden Lichtsäulen. 

Sie strukturieren das Bild. Sie geben dem scheinbaren Chaos Orientierung.

Doch damit beginnt die eigentliche Frage. 

Wolleh dokumentiert die Lichtwirkung dieser sakralen Gebäude nicht einfach. Er entwickelt sie fotografisch weiter. 

Wir sehen keine Kirchen als Bauwerke. Wir sehen eine Lichtwirkung. 

Wollehs Kamera führt sie in eine neue Erscheinungsform über. 

Dies ist nicht die Abbildung eines Augenblicks. Auch nicht die eines Zustandes. Wir werden Zeugen eines Vorgangs. Eine Transformation. 

Gerade darin zeigt sich Wolleh als Lichtbildner.

Das Rätselhafte an Wollehs Werk ist, dass sich diese Transformation immer nur im Kontext sakraler Räume vollzieht. 

Ist es die fotografische Weiterführung einer jahrhundertealten Lichtdramaturgie? 

Oder findet Wolleh gerade im sakralen Raum den einzigen Ort, an dem Licht seine größte Wirkung entfalten kann? 

Seine Fotografien geben darauf keine eindeutige Antwort.

Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Kraft.

Sie überlassen die Antwort dem Licht selbst.